23. Oktober 2025 - KN-Unternehmerforum blickt auf Wirtschaft im ländlichen Raum
Von: Uta Grossmann
Wie geht es den Betrieben im ländlichen Raum? Diese und mehr Fragen beantwortete das zehnte Unternehmerforum der Kinzigtal Nachrichten. Etwa 70 Gäste erlebten einen informativen und kurzweiligen Abend.
Altengronau - Es war beinahe Mitternacht, als die letzten Gäste das „Sinn Moments“ verließen – nach einem Abend mit unterhaltsam verpackten Informationen aus der heimischen Wirtschaft und vielen guten Gesprächen. Eine illustre Schar von Gästen versammelte sich in Sinntal-Altengronau, um über Herausforderung und Chancen von Betrieben und Gewerbetreibenden im ländlichen Raum zu diskutieren.
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Die Podiumsrunde: (von links) Moderator Tim Bachmann, Thorsten Stolz, Anett Kuykendall, Heike Merx und Gunther Quidde. © Walter Kreuzer
„Sehr angetan“ von der Örtlichkeit im Sinntal-Square in Altengronau zeigte sich Hanns Szczepanek in seiner Begrüßung. Der Leiter der KN-Lokalredaktion freute sich über das rege Interesse am zehnten Unternehmerforum der Kinzigtal Nachrichten im „richtig ländlichen Raum, wo vor allem kleine Gewerbetreibende zu Hause sind“.
Tobias Farnung, Chefredakteur der Fuldaer Zeitung sowie der Kinzigtal Nachrichten, begrüßte die Gäste im Namen der Mediengruppe Parzeller mit 450 Mitarbeitern und weit über 1000 Zeitungsausträgern. „Uns ist wichtig, dass Leute miteinander ins Gespräch kommen“, betonte er, bevor er das Mikrofon für zwei Grußworte weiterreichte an Natasha Rohde, Präsidentin der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, und Esther Hummel, Kreishandwerksmeisterin im Bezirk Gelnhausen-Schlüchtern.
Das Podium im „Sinn Moments“ war prominent besetzt. Moderator Tim Bachmann, stellvertretender Leiter der KN-Lokalredaktion, musste die Diskutanten kaum mehr vorstellen und bat sie direkt um kurze Eingangsstatements. Landrat Thorsten Stolz (SPD) legte munter los und lobte zunächst ausgiebig die Örtlichkeit, in der man sich versammelt hatte. Das Sinn Moments als Teil des Sinntal-Square sei ein „mutiges, innovatives Projekt mit Strahlkraft weit über Sinntal hinaus“.
Sinn Moments als innovatives Beispiel für Entwicklung auf dem Land
Die Köpfe hinter dem Projekt, Linda Briney und Andreas Petry, nannte er „Mutmacher“ und „echte Unternehmer“. Linda Briney war zuvor selbst ans Mikrofon gebeten worden und hatte sich als eine Macherin vorgestellt, die lieber anpacke als Reden zu schwingen.
Thorsten Stolz beschrieb zunächst die „sehr schlechte Stimmung“ auch in der hiesigen Wirtschaft: „Internationale Handelskonflikte wirken sich aus, Schlüsselindustrien wie die Automobilbranche samt ihrer Zulieferbetriebe befinden sich im Umbruch“, erläuterte der Landrat. Und: „Wir merken die Einschläge.“
Blick ins Publikum mit (vorne, von links) IHK-Präsidentin Natasha Rohde und Kreishandwerksmeisterin Esther Hummel. © Walter Kreuzer
Auf der anderen Seite habe sich gerade in den Kommunen des Bergwinkels viel getan. Eine große Vielfalt an bodenständigen Handwerksbetrieben bis hin zu „Global Players“ zeichne die Wirtschaftsstruktur im Main-Kinzig-Kreis aus. Dabei spiele das „Miteinander vor Ort“ eine herausragende Rolle. Der Landrat vergaß auch nicht, seinen Kreisausschuss zu loben und verwies auf Neuansiedlungen von Unternehmen, zu denen man beigetragen habe. Und auf die Breitband Main-Kinzig GmbH, eine hundertprozentige Tochter des Main-Kinzig-Kreises, die den Glasfaserausbau vorantreibt.
Betriebe im ländlichen Raum kämpfen mit wachsender Bürokratie
Anett Kuykendall umriss als Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Gelnhausen-Schlüchtern die Schwierigkeiten von Betrieben im ländlichen Raum, die wachsende Bürokratie zu bewältigen. Mit durchschnittlich dreieinhalb Mitarbeitern pro Betrieb sei es schwer, den zahlreichen Vorgaben zu genügen. Ob barrierefreie Internetseite oder Rückzahlung von Corona-Soforthilfen, ständig kämen neue Anforderungen hinzu.
Andererseits zeigte sich Kuykendall optimistisch, dass Transformationen des Arbeitsmarkts etwa durch Künstliche Intelligenz (KI) das Handwerk nicht bedrohten. „KI baut kein Fenster ein und schneidet keine Haare“, sagte die Verbandsgeschäftsführerin. Sie wies auf die Verantwortung von Eltern hin, ihren Kindern grundlegende Fertigkeiten beizubringen: „Kinder müssen ein Buch lesen und den Hof kehren können.“ Sie erzählte von einem Azubi, der den Besen verkehrt herum gehalten habe – er hatte noch nie einen in der Hand gehabt.
Dr. Gunther Quidde, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern (IHK), ging im Zusammenhang mit den Veränderungen in der Arbeitswelt auf das Homeoffice ein. „Wir brauchen das Homeoffice auch“, erläuterte er, denn „der Pendler schaut, wie oft in der Woche er ins Büro muss. Entsprechend weit weg zieht er von seinem Arbeitsplatz im Rhein-Main-Gebiet. Davon profitiert unsere Region, wo es schön ist und man billiger wohnt.“
Stichworte Energiewende und Klimaschutz kontrovers diskutiert
Moderator Tim Bachmann brachte die Stichworte Energiewende und Klimaschutz ein, um mit Windrädern und Photovoltaik-Anlagen „etwas mehr Kontroverse“ in die bis dahin sehr harmonische Runde zu bringen. Gunther Quidde verwies auf den steigenden Energieverbrauch, für den erneuerbare Energien benötigt würden. Das sei besser als ein Atom- oder Kohlekraftwerk vor der Haustür. Landrat Stolz sprang ihm bei und nannte Rechenzentren, die im Landkreis von Hanau bis Birstein entstünden oder geplant würden und einen hohen Energiebedarf hätten. „Rechenzentren-Betreiber wollen grünen Strom“, sagte Stolz. Die Kommunen profitierten von den Steuereinnahmen. Denn: „Wir drehen die Energiewende nicht zurück.“
Damit zeigte sich Heike Merx, Vorsitzende des Gewerbevereins Sinntal, allerdings nicht einverstanden. Sie kritisierte, dass es zu viele Windräder im Main-Kinzig-Kreis gebe. „Wir pflastern den Bergwinkel zu mit Windkraftanlagen, während im benachbarten Bayern jeder Solarplatten auf dem Dach hat und den Strom selbst nutzt.“
Kontakte knüpfen oder pflegen den zweiten Teil des Abends. © Walter Kreuzer
Hier schaltete sich Harald Hohmann aus dem Publikum in die Debatte ein. Der Schreinermeister und Bestatter aus Sterbfritz sprach sich dafür aus, „im Taunus ein paar Windräder aufzustellen“. Außerdem forderte er: „Wir brauchen Straßen und Züge.“ Stolz wies darauf hin, dass die Bahn mit dem viergleisigen Ausbau der Strecke zwischen Hanau und Fulda durch das Kinzigtal in den nächsten 20 Jahren so viel investiere wie nie zuvor.
MKK-Landrat: Ausbau der Bahnstrecke Fulda - Hanau bringt Chance
Das sei eine Chance für den ländlichen Raum – durch eine höhere Taktung und mehr Lebensqualität. Aus dem Publikum bekundete Peter Schmidt seine Skepsis gegenüber dem Großprojekt. Durch kilometerlange Tunnel und neue Brücken werde die Region komplett verändert.
Thorsten Stolz hob hingegen das Positive hervor, das die Wirtschaft im ländlichen Raum ausmache: „Die Heimatverbundenheit und der Zusammenhalt sind hier viel stärker als in großen Städten.“ Und: „Ich bin lieber Landrat dort, wo Mutmacher aufgeschlossen unterwegs sind und investieren als da, wo der Letzte die Tür zumacht.“
Zu einem versöhnlichen Schlusswort geriet Anett Kuykendalls Fazit: „Innovation steht der Tradition nicht im Weg. Man kann das gut verbinden. Wir haben viel Unternehmergeist und Flexibilität, gerade im Handwerk.“